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Freitag, 15. Juni 2018


Samstag, 30. Juni 2018 um 13:20:53 von Kulturpool Redaktion

Dora Kallmus als Madame d'Ora

Anlass
Die Porträtfotografin Madame d'Ora im Kulturerbejahr

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Frau eine Karriere als Fotografin anzustreben, war mehr als nur eine von Barrieren durchsetzte Herausforderung. Dora Kallmus ging diesen Weg trotz aller Hindernisse und konnte im Atelier des unter anderem auch für seine Gesellschaftsfotografien bekannten Künstlers Hans Makart ihre ersten Erfahrungen sammeln und durfte als erste Frau überhaupt immerhin die Theoriekurse der Wiener Graphischen Lehr– und Versuchsanstalt (Die „Graphische“ in der Leyserstraße) besuchen, allerdings noch nicht die Praxiskurse.

1906 ging sie nach Berlin und konnte bei einem der ersten Berufsfotografen Deutschlands, Nicola Perscheid, Unterricht nehmen. Sie spannte ihm dort seinen Assistenten aus, der fortan für sie in Wien arbeitete. 1907 eröffnete sie zusammen mit Arthur Benda in der Wiener Innenstadt ihr erstes Atelier unter ihrem neuen Künstlernamen Madame d‘Ora. Es entstanden erste Portraitaufnahmen von vorwiegend „unbekannten“ Menschen, jedoch erwarb sie sich schnell einen Namen als Portaitfotografin der Wiener Intellektuellen- und Kunstszene. Bekannt sind ihre Portraits von Alma Mahler–Werfel, Arthur Schnitzler, Gustav Klimt, Karl Kraus, Franz Werfel, Emile Flöge, Bertha Zuckerkandl sowie vieler anderer Persönlichkeiten aus der Zeit der Wiener Moderne.

Gustav Klimt in Anzug, aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Auch Karl Kraus, einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller, Sprach- und Kulturkritiker, Satiriker und Publizisten, ließ sich in sichtbar entspannter Haltung, von Madame d'Ora porträtieren.

Karl Kraus in Anzug mit Zwicker, weißes Hemd mit Eckenkragen tragend, aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Ebenso Franz Werfel (1890 - 1945), einer der berühmtesten österreichischen Schriftsteller. Der in Prag geborene und in Bevery Hills, Kalifornien, verstorbene Vertreter des lyrischen Expressionismus schrieb Werke wie "Das Lied von Bernadette" oder "Die 40 Tage des Musa Dagh". Werfel war mit Alma Mahler verheiratet und hinterließ eine Vielzahl an Romanen, Gedichten, Erzählungen und Dramen.

Franz Werfel in einem Mantel, Jackett und weißem Hemd mit Stehkragen, aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Gräfin Fugger in einem weißen Kleid mit Umhang und Fuchspelzstola
(Beispiel einer Gesellschaftsfotografie)
aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Dame in einem Kleid der "Wiener Werkstätte" - in einer Chemise mit Rüschen und Volantsärmeln
(Beispiel einer Gesellschaftsfotografie)
aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Im Jahr 1916 entstand eine Fotoserie der kaiserlichen Familie sowie auch der Krönung Karls I. zum König von Ungarn. In Folge war der Erfolg von Madame d'Ora international nicht mehr aufzuhalten und sie etablierte sich auch in anderen Metropolen, in erster Linie in Paris zu einer sehr gefragten Porträtfotografin.

Karl I., Kaiser von Österreich mit seinem Sohn Otto
aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

1927 überließ Madame d’Ora ihrem Partner Arthur Benda das gemeinsame Atelier in Wien und ging nach Paris. Dort konnte sie sich binnen kurzer Zeit in der Mode–, Intellektuellen- und Kunstszene etablieren.

Der unaufhaltsame gesellschaftliche Wandel wurde von Madame d'Oras Kamera festgehalten. Sie spannte einen dokumentarischen Bogen von den modischen Traditionen Wiens um die Jahrhundertwende zu den freizügigen Nacktportraits Josephine Bakers und vermittelte der Nachwelt damit die Wandlung und das sich neu entwickelnde Selbstverständnis der modernen Frau in Bildern.

Traute Olbrich in Cul de Paris aus dem Jahre 1883
(Beispiel einer Gesellschaftsfotografie)
aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

In den folgenden Jahren entstanden Porträts von Coco Chanel, Marlene Dietrich, Maurice Chevalier, Josephine Baker und vielen anderen angesehenen Persönlichkeiten der Pariser Gesellschaft.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs veränderte schlagartig die Lebenssituation Madame d'Oras. Sie musste überstürzt nach Südfrankreich fliehen und versteckte sich in einem Kloster und auf einem Bauernhof in Ardèche. In dieser Zeit verlor sie ihre Schwester sowie einige weitere Verwandte, die in Konzentrationslager deportiert wurden und dort ums Leben kamen.

Nach dem Krieg kehrte Madame d’Ora wieder nach Österreich und fand zur Gesellschaftsfotografie zurück. Es entstanden Bilder von Somerset Maugham, Yehudi Menuhin, Marc Chagall und vielen anderen. Zusätzlich fand sie Interesse an der Dokumentation vieler in Trümmern liegender Stadtteile und begann Bilder des zerstörten Wiens, von Flüchtlingslagern, sowie auch von Tierkadavern in exponierten Motiven herzustellen. Ihre „Schlachthofserie“ zählt zu den wichtigen Projekten ihres Spätwerks. Ihre Serie der "displaced persons" entstand im Auftrag der Vereinten Nationen.

Bei einem Autounfall 1959 verlor Madame d’Ora ihr Gedächtnis. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie bei einer Freundin in Frohnleiten in der Steiermark. 1963 verstarb die 1881 in Wien geborene Pionierfotografin Dora Kallmus. Als Madame D’Ora hat sie sich stets weiterentwickelt und ein erstaunlich mannigfaltiges Oeuvre hinterlassen.

Ausstellungstipp:

MACHEN SIE MICH SCHÖN, MADAME D'ORA
Die Fotografin d'Ora 1907-1957
13.07.2018 – 29.10.2018
Leopold Museum Wien

Im Atelier d’Oras traten die Größen der Kunst- und Modewelt, der Aristokratie und der Politik des 20. Jahrhunderts vor die Kamera. Der erste Künstler, den sie fotografierte, war 1908 Gustav Klimt, der letzte war 1956 Pablo Picasso. Kaiser Karl von Österreich fand sich ebenso ein wie die Familie Rothschild, Coco Chanel und Josephine Baker oder Marc Chagall und Maurice Chevalier. Im Jahr 1907 eröffnete Dora Kallmus als eine der ersten Frauen in Wien ein Fotostudio. Innerhalb weniger Monate galt das Atelier d’Ora als eleganteste und renommierteste Adresse für das künstlerische Porträt und ihre Aufnahmen fanden in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland weite Verbreitung. Im Jahr 1925 brachte ein Angebot des Modemagazins L’Officiel d’Ora nach Paris, das fortan ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt sein sollte. Zahllose Aufträge für Mode- und Lifestylezeitschriften folgten, die erst Mitte der 1930er-Jahre abebbten, als die politische Lage in Europa zunehmend prekärer wurde. Als entrechtete Jüdin verlor d’Ora 1940 ihr Atelier in Paris und musste sie sich jahrelang vor den deutschen Besatzungssoldaten in Frankreich versteckt halten. Gerade noch davongekommen, richtete die Gesellschaftsporträtistin nach 1945 ihren zugleich scharfen und einfühlsamen Blick auch auf die namenlosen Heimkehrer aus den Konzentrationslagern und auf das Schlachtvieh der Pariser abattoirs. D’Oras Werk spannt einen einzigartigen Bogen von der Repräsentation des letzten österreichischen Monarchen, über den Glamour der Pariser Modewelt der 1920er- und 1930er-Jahre bis hin zu einem gänzlich veränderten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sowie dem Photoinstitut Bonartes in Wien und wird von Monika Faber und Magdalena Vukovic kuratiert. (Ausstellungstext Leopold Museum)