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Dienstag, 18. September 2018



Samstag, 30. Juni 2018


Freitag, 31. August 2018 um 11:07:48 von Kulturpool Redaktion

Eine kurze Ode an die Sommerfrische

Anlass
Das Phänomen Sommerfrische

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.
Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.
Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

"Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen nie." – Hermann Hesse, aus: "Die Kunst des Müßiggangs".

„Variatio delectat“, die Abwechslung erfreut, hieß es im alten Rom. Eine wichtige Perspektive und Anhaltspunkt für den arbeitenden Menschen als sogenanntes Gewohnheitstier, das sich sehr schnell aus sich wiederholenden Abläufen seinen Alltag bildet. Um diesem Alltag auch einmal entfliehen zu können, schufen sich die Menschen Freiräume innerhalb der durchgetakteten Abläufe des Jahres. Diese Freiräume dienen der Erholung, dem Entfliehen der in den Sommermonaten sprichwörtlich „heißen Pflaster der Stadt“ in das gut erreichbare nahe Umland der Stadt, um dem Geist als auch dem Körper seine Erholung zu ermöglichen. Ein hoher Anteil der städtischen Bevölkerung litt Mitte des 19. Jahrhunderts an den schlechten Luftverhältnissen in den Städten, eine Folge der Industrialisierung. Bei gesünderer Luft einen erholsamen Rhythmus zu finden, mit abwechselnden Tätigkeiten wie Wandern oder Schwimmen fanden viele Städter zu neuer Kraft und das Phänomen Sommerfrische nahm seinen kulturhistorischen Erfolgslauf.

Im Wörterbuch der Brüder Grimm wird Sommerfrische mit "Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit" oder als „Landlust der Städter im Sommer“ erklärt.

FranzHubmannInsel

Sommerfrische
Zell am See

Bild 1: Sommerfrische am Traunsee, Franz Hubmann, aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
Bild 2: Semmering, Österreich Werbung, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
Bild 3: Beliebte Sommerfrische. Gruß aus Eggenberg-Baierdorf, aus der Sammlung des GrazMuseum Zentrum für Informationsmodellierung - Austrian Centre for Digital Humanities, Karl-Franzens-Universität Graz
Bild 4: Zell am See, Franz Hubmann, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Suche nach der Abkühlung:

In Italien spricht man von „prendere il fresco“ (die Frische= eine Abkühlung nehmen), plant man einen Spaziergang. Der deutsche Begriff „Sommerfrische“ leitet sich angeblich aus dem Südtiroler Raum ab, wonach die BürgerInnen des sommerlich heißen Talkessels Bozen in den hitzigen Sommermonaten auf ihren Hausberg, den Ritten, zogen, dort ihre Häuser bauten, die in der Kühle des Mittelgebirges den Sommer erträglich werden ließen.

„frisch(e), f. ebenda, das in diesem sinne schon aus dem 17.
jahrh. bezeugt ist: wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten.“ Aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm

Stadt und Land – Sommer und Winter:

Die Landwirtschaft bestimmte ursprünglich das Verhalten der Menschen im Jahresverlauf. Die Bewirtschaftung und Pflege verlangten die Anwesenheit auf den Feldern, Wirtschaftsgebäude und Gutshöfe waren Verwaltungseinheiten, die angeschlossen an das landwirtschaftliche Geschehen, die Erträge aus der Landwirtschaft verwalteten und vermarkteten.

In die Städte zog man über den Winter, wo das Leben erträglicher als in den unbeheizten Räumen am Land war und weiters auch mehr Abwechslung bedeutete für die Jahreszeit, die nicht der täglichen Arbeit am Feld gewidmet war.

Dieses Verhältnis änderte sich im Zuge des Aufkommens der Industrialisierung mit ihren Folgen der Verstädterung (es entstanden die ersten Millionenstädte mit London, Paris, Berlin und Wien) und der Landflucht (Abwanderung großer Teile der ländlichen Bevölkerung in die Städte, die Arbeit boten). Die Industrielle Revolution ließ die Stadt mit teils innerhalb ihrer Zonen tätigen Fabriken zum Zentrum des wirtschaftlichen Geschehens werden.

Die Zunahme von Fabriken und das stetige Wachstum der Bevölkerungszahl wirkte sich auf die Lebensqualitäten in den Metropolen aus. Häufig durch schlechte hygienische Verhältnisse verursacht, verbreiteten sich viele Krankheiten und Infektionen rasant. Viele Lungenerkrankungen im Zuge schlechter werdender Luftverhältnisse im städtischen Großraum waren die Folge.

Die Flucht aus der Stadt galt als heilsames Versprechen. Der Aufenthalt auf dem Land versprach Erholung von dem komplexer werdenden Treiben des städtischen Alltags und Lebens.
Aristokratie und wohlhabendes Bürgertum begannen im nahen Umland nach gut erreichbaren Zufluchtsorten zu suchen und nahe der wiederentdeckten Natur bauten sie sich Villen und Sommerresidenzen.
Die Ausstattung mit der nötigen Infrastruktur beflügelte die Ansiedelung von Sommerwohnsitzen bestimmter Regionen und ließ diese zu einem Anziehungspunkt für „Sommerfrischler“ werden.

Dem Bau der spektakulären Hochgebirgsbahn, der „Semmeringbahn“, die 1854 eröffnet wurde, verdankte die Region Semmering, Rax und Reichenau einen guten Teil ihrer Beliebtheit unter der Wiener Gesellschaft. Kaiser Franz Josef und seine Gemahlin „Sisi“ kamen viele Jahre zur Sommerfrische in die Region. Als Folge siedelten sich auch Hochadel und reiches Bürgertum in der Gegend an. Weiters kamen viele berühmte Wissenschaftler und Künstler in das mit der Bahn in nur einer Stunde erreichbare Rax- und Semmering Gebiet. Viktor Frankl und Sigmund Freud ließen sich dort inspirieren. Viele Künstler der Wiener Moderne wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Hugo von Hofmannsthal, Heimito von Doderer, Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka, Gustav Mahler, Franz Werfel haben in ihrer Sommerfrische Inspiration und Ansätze für neue Werke erdacht und viel geschrieben. Einige ließen sich dort auch Sommersitze bauen wie zum Beispiel Heimito von Doderer.

Die Westbahn bildete eine Verbindung zu den Seen des Salzkammerguts mit dem Traunsee, Attersee und Wolfgangsee. Auch Bad Ischl als Kaiserliche Sommerresidenz wurde ein zentraler Ort der Sommerfrische im Fin de Siécle.

Die neu entstandenen Verkehrsnetze ließen in diesen Regionen kulturell und wirtschaftlich rasch eine breit aufgestellte Infrastruktur entstehen, die ganze Gemeinden von den „Sommerfrischlern“ leben ließ. Es wurden Villen und Häuser errichtet, die sich häufig an den architektonischen Gebrauch, dem sogenannten „Heimatstil“ der jeweiligen Gemeinde und Region anpassten.

Privatquartiere, Gasthäuser und Hotels lebten von den Gästen, die über keinen eigenen Sommersitz verfügten, aber Teil des Geschehens sein wollten. Manche blieben ein paar Tage, andere gleich über die Sommermonate, die Landlust, Landluft und Sommerstimmung boten.

Insofern sind die Sommerfrische und der in Folge aufkommende Tourismus zwei eng verbundene Phänomene, die sich im 19. Jahrhundert entwickelten und ab Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem sogenannten Massenphänomen wurden. Speziell mit der Einführung des bezahlten Urlaubs in den 1930er Jahren entwickelte sich der Sommerurlaub rasant.

CurorteIllustrierte
VerpflegungSommerfrischler
Ausflug der Familie Dumba
Badezeitung

Bild 1: Illustrierte Kurorte-Zeitung, 1891-09-20, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
Bild 2: Verpflegung Sommerfrischler – Kundmachung – Salzburg, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
Bild 3: Ein Ausflug der Familie Dumba in der Sommerfrische in Liezen, Gemälde von Rudolf Alt, aus der Graphischen Sammlung der Albertina
Bild 4: OEB - Oesterreichische Badezeitung : Organ für die Interessen der europäischen Kurorte und des Kurpublikums, 1876-09-17,aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

In der Gründerzeit entwickelten sich Kurorte wie Bad Gastein, Bad Fuschl oder das sogenannte Steirische Thermenland mit Bad Gleichenberg, Bad Radkersburg und Bad Waltersdorf.

Was in der Stadt als Standard galt, fand bald auch Einzug in die Infrastruktur der Kurorte. Der Gast wollte die Vorteile des Landlebens mit gewissen kulturellen Vorlieben aus der Stadt vereint sehen. Strandcafés, Kasinos, Theater, Kurkapellen, das Freibad und ähnliche Einrichtungen versuchten dem Sommergast seine Sommerfrische mit kulturellem Programm und einfachem Spaß zu versüßen.
Ein Bäderführer aus dem Jahr 1910 nannte 421 Kurorte mit Heil und Mineralquellen und jeder verfügte über ein seinen Mitteln entsprechendes Musikensemble. Mit teils bis zu 40 Orchestermitgliedern bedeutete eine Musikkappelle auch einen beträchtlichen finanziellen Aufwand. Je nach wirtschaftlichem Vermögen der jeweiligen Kurorte wandelte sich die Zahl der Orchestergröße und war eine Art Statussymbol für den Kurort.

In jedem Fall war dem Kurgast zu wünschen, dass – mit Ringelnatz gesprochen – dieser sich in seinen Melodien von dem „Wolkengezupf“ lenken ließ, sich vergessen konnte und sein Denken nicht weiter reichte als ein „Grashüpferhupf“.

In der Sommerfrische liegt die Kraft!