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Dienstag, 16. Oktober 2018


Montag, 29. Oktober 2018 um 11:20:09 von Kulturpool Redaktion

Sprichwörter zur Zeit Bruegels

Anlass
Sprichwörter zur Zeit Bruegels


Niederländische Sprichwörter, Pieter Bruegel, Europeana, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Berlin

Eine kleine Sammlung aus Sprichwörtern aus dem Ölgemälde auf Eichenholz Pieter Bruegel des Älteren aus dem Jahr 1559, ein Jahr nach dem Tod Kaiser Karls V., in dessen Reich die Sonne einst nicht unterging.

Die niederländischen Sprichwörter oder auch die flämischen Sprichwörter enthalten mehr als 100 Redewendungen, die zum guten Teil heute noch geläufig sind.

Zur Zeit Bruegels war es keine Seltenheit Ansammlungen von Sprichwörtern in Druck- oder Kunstwerken darzustellen. Es gehörte fast zum guten Ton und bot Möglichkeiten Inhalte zu vermitteln, die vielleicht in direkter Rede nicht die gleiche Wirkung hätten erzielen können, bzw. aus Vorsichtsmaßnahme einer drohenden Zensur erst gar nicht in Prosa verfasst worden wären. Die Bildhaftigkeit ist ein wesentliches Merkmal des Sprichwortes, welches sich allegorischer Ausdrücke bedient, um Inhalte, Vorstellungen oder Wahrheitsgehalte zu kommunizieren, die in der direkten Rede eben nicht in dem gewünschten und erwarteten Effekt zur Geltung kommen würden.

Erasmus von Rotterdam, geboren vermutlich am 28.Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam, gestorben 11./12. Juli 1536 in Basel, hat eine Sammlung von Sprichwörtern und Sprüchen lateinischer Autoren herausgegeben. Die erste Ausgabe erschien im Jahr 1500 in Paris mit dem Titel Collectanea adagiorum („Gesammelte Sprichwörter“).

Der französische Humanist und Schriftsteller der Renaissance Rabelais, geboren ca. 1494, vielleicht aber schon 1483 in La Devinière bei Chinon/Touraine, gestorben am 9. April 1553 in Paris, verfasste ab 1532 den bekannten Romanzyklus mit den Riesen "Pantagruel" und "Gargantua" mit vielen Zitaten, Wortspielen und Sprüchen. „Une plaisenterie rabelaisienne“ ist in Frankreich ein sehr geläufiges Bonmot, das von diesen Bänden entstammt.

Ein besonderes Werk aus dem Opus eines interessanten Vertreters der Renaissancezeit ist die Sprichwort Sammlung von Sebastian Franck aus dem Jahr 1541. Eine Sammlung von fast 7.000 Sprichwörtern, sprichwörtlichen Redensarten und Redewendungen. Teilweise in lateinischer Sprache mit Übersetzung, teilweise mit ähnlichen und adaptierten Sprüchen aus der deutschen Sprache. Im Grunde folgt Sebastian Franck dem Konzept Erasmus von Rotterdams Sammlung "Adagia".

Bruegel soll ein Anhänger Sebastian Francks gewesen sein. Ein sehr interessanter Zeitgenosse, der anfangs als katholischer Priester und Seelsorger wirkte, jedoch sich sehr bald der Reformation anschloss und lutherischer Prediger wurde. Allerdings konnte Luther ihn auch nicht auf Dauer mit seinen Inhalten, Aussprüchen und Taten überzeugen und so entstand der überlieferte Ausspruch: „Ich will und mag nicht lutherisch sein.“ Er lehnt Kirchenstrukturen ab und verfolgt ein universalistisches Denken, das zum Beispiel auch Muslime als Glaubensbrüder anerkennt. Verfolgt von kirchlichen und weltlichen Machthabern, geht er davon aus, dass Gott überall ist. Neben seinen theologischen Ansätzen veröffentlichte er unter diversen Pseudonymen, wie Felix Frei oder Friedrich Wernstreyt, als Schriftsteller, Chronist und Übersetzer eine Vielzahl an Schriften, wie eben auch der Sprichwörter Sammlung.

Franck sah in der Kürze der Spruchweisheiten Indizien einer tiefergelegenen und verborgenen Wahrheit. Zwar hat Franck in seiner Sammlung sehr viele theologisch-philosophische Erörterungen, die in Sprichwörtern verarbeitet wurden, eingebettet, er hielt aber auch heidnisches Sprichwortgut für gleichermaßen wertvoll und für eine Öffentlichkeit gedacht.

"Es ist auch under allen leeren/ menschen urteylen und Sentenzen nicht warers noch gewissers dann die Sprichwörter/ welche die erfarung gelert / auch die natur und vernunfft in aller menschen hertz und mund geschriben und gelegt hat"

"Bey den alten ist unnd heyßt Sprichwort/ eine kurtze / weise klugred/ die summ eines ganzen handels/ gesatz odser langenn Sentenz/ als der kern/ in ein engs sprüchlin unnd verborgen griflin/ gefaßt/ da mehr/ etwa anders verstanden dann geredt wirt."

„Was im Sprichwort <schreibt> ist demnach die natürliche Vernunft, dies freilich so, dass in den „Dicteria“ und „Proverbia“ die Weisheit aller Nationen und Zeiten wie in einem verschlossenen kasten verborgen ist. Die von Franck angestrebte Aktivierung des Lesers und die notwendige Deutungsarbeit des auslegenden Kommentators sind in dieser Metapher angedeutet. Wie auch in früheren Werken begreift Franck programmatisch das Wissen der Wahrheit als Ergebnis einer meditativen Enthüllung. Zum Wesen der Wahrheit gehört ihr Verborgen-Sein. Demgemäß erweisen sich die zentralen ästhetischen Qualitäten der Sprichwörter, ihre brevitas und obscuritas, als Merkmale einer Erkenntnis, die in der diskursiven Rede nur unzulänglich erfasst und weitergegeben werden kann. Die knappe und sehr oft bildliche Ausdrucksform der Sprichwörter signiert einen Überschuss an Bedeutung."
-Sebastian Francks Sprichwortsammlung, Wilhelm Kühlmann

Das Ölgemälde Bruegels "Niederländische Sprichwörter":

In einem belebten und umtriebigen Dorf an der atlantischen Meeresküste gewährt uns Bruegel einen Einblick in das Treiben des Alltags mit all seinen Gewohnheiten und Besonderheiten. Er schildert die Welt, wie sie seinerzeit im Allgemeinen wahrgenommen wurde, als eine sündhafte, böse und närrische. Die menschlichen Untugenden wie Bosheit, Betrug und Selbstbetrug sowie weitere Laster finden in bildlichen Darstellungen ihren Ausdruck. Bruegel ließ sich von Werken wie Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ oder von dem „Narrenschiff“ von Sebastian Brant inspirieren. Das reich bebilderte und aufwendig gestaltete humanistische Buch „Narrenschiff“ enthält eine Sammlung mit didaktisch-satirisch dargestellten Lebensweisheiten und beschreibt Missstände, Torheiten und Laster der Welt des 15. Jahrhunderts. Das Buch erschien 1494 in Basel.

Im Bild links an der Hauswand hängend findet sich eine auf den Kopf gestellte Weltkugel, die eine verkehrte und gottlose Welt symbolisiert und den Menschen als gleich einem Narren nur seinem weltlichen Treiben nachgehendem Wesen skizziert. So findet man auch den Teufel im Bildmittelpunkt unter einem blauen Baldachin sitzend, von dem wohl das ganze Unwesen, das Bruegel allegorisch beschreibt, ausgeht. Eine Frau in einem roten Kleid, hängt ihrem Mann einen blauen Mantel um, womit symbolisiert wird, dass diese ihren Mann betrügt. Eine Vielzahl an Szenen vermittelt ein Bild eines amoralischen Treibens im Alltag dieses Dorfes.

Im 17. Jahrhundert wurde das Bild historischen Quellen zufolge auch mit „Der blaue Mantel“ und „Verkehrte Welt“ betitelt.

Nicht zu verwechseln mit einem anderen Werk, das auch den Titel „Verkehrte Welt“ trägt:

Die verkehrte Welt


Jan Steen, Die verkehrte Welt, aus der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museum Wiens

Andererseits lässt sich auch eine Vielzahl an Sprichwörtern anhand zig-facher Szenen ausfindig machen, die Lebenssätze beschreiben, die in heutiger Form und Sprache immer noch Anwendung und Ausdruck finden und eben vielleicht auch durch dieses Gemälde und seiner Rezeption weiter im Sprachgebrauch geblieben sind.

Niederländische Sprichwörter

DIE SPRICHWÖRTER


Erläuterungen mit Zahlensystem zu den Niederländischen Sprichwörtern, Wikipedia

Sprichwörter aus der Zeit Bruegels, die immer noch geläufig sind und als Teil unseres Sprachschatzes anzusehen sind:

Details aus Bruegels "Niederländische Sprichwörter":


Mit dem Kopf durch die Wand gehen
Stur und unbedacht, etwas Unmögliches versuchen


Rosen (Perlen) vor die Säue werfen
Verschwenden an jene, die es nicht wertschätzen


Bis an die Zähne bewaffnet sein
Schwer bewaffnet sein


Zwischen zwei Stühlen sitzen
Jemand kann keine Entscheidung treffen; jemand steht auf keiner Seite.


Sich um ungelegte Eier kümmern
Sich um etwas sorgen, was noch nicht eingetreten ist


Bei jemandem in der Kreide stehen
Jemandem etwas schuldig sein.


Ein Schaumschläger sein
Ein Angeber sein.


Auf glühenden Kohlen sitzen
Ungeduldig sein


Die Würfel sind gefallen
Etwas ist entschieden


Gegen den Strom schwimmen
Gegen die allgemeine Meinung aufbegehren


Er geht als wenn er Feuer im Hintern hat
Schnell gehen