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Samstag, 29. September 2018


Sonntag, 20. Januar 2019 um 17:07:32 von Kulturpool Redaktion

Maximilian I. - 500. Todestag

Anlass
500. Todestag Maximilian I.

Triumphzug Maximilian I

Triumphzug Kaiser Maximilians I.: Der Triumphwagen des Kaisers mit seiner Familie
Aus der Graphischen Sammlung der Albertina Wien

Gedenkjahr Kaiser Maximilian I.
Ausstellungen, Symposien, Sonderschauen 2019

Eine Vielzahl an Ausstellungen, Symposien, Sonderschauen, Büchern und Katalogen widmen sich heuer dem Leben und Werk Maximilian I. anlässlich seines 500. Todestages.

Von der Nationalbibliothek bis zu Ausstellungen im Metropolitan Museum New York oder in Tokio zeigen heimische wie auch internationale Museen Objekte, Werke, Sonderkompositionen, Digitalisierierungsprojekte und erzählen Geschichten und Besonderheiten des Habsburger Kaisers, der in einem sehr intensiven Zeitalter zwischen zwei Epochen herrschte.

Vor allem seine Lieblingsstadt Innsbruck und das durch seine Politik in den Herrschaftsbereich der Habsburger gelangte Land Tirol werden eine Vielzahl an Gedenkveranstaltungen vorzeigen.

Kaiser Maximilian I. Ein großer Habsburger. (VORSCHAU)
15. März 2019 – 3. November 2019 Österreichische Nationalbibliothek
2019 widmet die Österreichische Nationalbibliothek dem bedeutenden Monarchen eine Sonderausstellung im Prunksaal anlässlich seines 500. Todestages.

Kaiser Maximilian I. wird gern als „letzter Ritter“ bezeichnet, denn in seine Regentschaft fällt die Zeitenwende vom Mittelalter zur Renaissance. Als er 1519 starb, war Amerika entdeckt, der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden und neue humanistische Ideen hatten sich in seinem Reich verbreitet. Die große Sonderausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert den Herrscher und seine Zeit anhand zahlreicher, eindrucksvoller Handschriften und Frühdrucke.

Maximilians Erziehung war noch ganz von mittelalterlichen Traditionen geprägt und er begeisterte sich besonders für Jagd und Turniere. Doch als Kaiser entwickelte er ein neues Herrscherideal und öffnete sich dem „Zeitgeist“. Durch diese Aufbruchsstimmung zog sein Hof bald zahlreiche Künstler und Denker an. Im Umkreis Maximilians beschäftigten sich Gelehrte mit so unterschiedlichen Themen wie der Übersetzung von Hieroglyphen oder der Erstellung von Land- und Himmelskarten, die bis heute als wertvolle Zeugnisse dieses Aufschwungs erhalten sind.

Einen wesentlichen Anteil an diesen kulturellen Entwicklungen hatten auch Maximilians familiäre Bindungen nach Burgund und Italien: Kunst, Musik und das strenge Hofzeremoniell dort beeindruckten ihn nachhaltig. Durch seine Ehen kamen außergewöhnliche Bücherschätze an seine Bibliothek wie etwa das Stundenbuch der Maria von Burgund. Ebenfalls im Prunksaal zu sehen ist der berühmte „Weißkunig“, ein reich illustriertes Werk mit autobiografischen Zügen.

Rubensbild Maximilian I
Bildnis von Kaiser Maximilian I. im Profil nach rechts
Peter Paul Rubens (Zugeschrieben an) (Siegen 1577 - 1640 Antwerpen)
Aus der Graphischen Sammlung der Albertina Wien

Internationale Tagung zum 500. Todestag Maximilians I.
18.03.2019

Maximilian I. (1459–1519). Person, Brüche und Umbrüche einer Brückenzeit
Die mit den international führenden ExpertInnen für Kaiser Maximilian besetzte Tagung wird ein weites Panorama dieser Herrscherpersönlichkeit am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit schaffen. Maximilian wird nicht nur als politische Gestalt in den Blick genommen, sondern auch als Monarch im Zentrum eines kulturell und künstlerisch ungemein produktiven Hofes und als Akteur einer Zeit tiefgreifender politischer, kultureller und weltanschaulicher Umbrüche. Die Vorträge am Eröffnungsnachmittag finden im Riesensaal der Innsbrucker Hofburg statt und behandeln die Person Maximilian sowie das Europa, in dem er wirkte. Die Vorträge am Dienstag und Mittwoch, die im Kaiser-Leopold-Saal der Universität stattfinden, überblicken eine Vielfalt von Themen, vom höfischen Leben über seine Verwaltungseliten bis hin zu seiner medialen Selbstdarstellung.

Maximilian Habsburg Jagellonen
Familie des Kaisers Maximilian I. (1459-1519)
Aus der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museum Wiens

Auch die Stadt Wels widmet dem Habsburger eine Ausstellung:
21. März bis 27. Oktober

Die Stadt Wels, in deren Burg der Kaiser starb, zeigt dort von 21. März bis 27. Oktober die Sonderausstellung “Kaiser Maximilian I. – Kaiser – Reformer – Mensch. Zum 500. Todesjahr des letzten Ritters”. Sie beleuchtet sein machtpolitisches Streben, seine Reformen und Neuerungen im Reich sowie die Verklärung seiner Person nach seinem Tod. Die Schau legt besonderes Augenmerk auf die Beziehung des Kaisers zu Wels und zu den Polheimern, einem Adelsgeschlecht, dessen Angehörige in enger Verbindung zum Regenten und zur Stadt standen. Inszenierungen zu den Themen Jagd und Fischerei sowie Feste und Turniere ermöglichen einen Eindruck vom Leben am Hof des Kaisers. Als Glücksfall für die Ausstellung erweist sich, dass der Kaiser die neuen Formen der Druckkunst zur publikumswirksamen Darstellung seiner persönlichen aber auch seiner politischen Ziele nutzte. Originale Holzschnitte, Gemälde und literarische Werke werden als Faksimile präsentiert oder als grafische Auf- beziehungsweise Umarbeitung.

In Kooperation mit dem Oberösterreichischen Münzsammlerverein Wels entstanden zwei Gedenkmünzen, die anlässlich des 500. Todestages zu erwerben sind. Außerdem wird es 2019 eine Sonderbriefmarke samt Sonderpoststempel geben. Die Tourismusregion Wels plant zudem zahlreiche weitere Veranstaltungen und Aktivitäten. Beispielsweise begeben sich eigene Sonderstadtführungen auf die Spuren des Kaisers im alten Wels.

Maximilian Familie
Kaiser Maximilian I. im Kreise seiner Familie
Aus der Sammlung REALonline, Institut für Realienkunde - Universität Salzburg

Kaiser Maximilian I. im Mathias Schmid Museum Ischgl
Die Ausstellung läuft vom 6. Oktober 2018 bis Ende 2019

Das Mathias Schmid Museum in Ischgl feiert 2019 das 20-Jahr-Jubiläum. Den Auftakt dazu bildet am 6. Oktober 2018 die Eröffnung der Ausstellung über Kaiser Maximilian. Auch am Paznaun ging der Schwabenkrieg im Jahr 1499 nicht spurlos vorbei. Zudem ist auch das Jagdgebiet um Ischgl im Jagdbuch von Kaiser Maximilian I. (um 1500) vortrefflich beschrieben. Nachdem Ischgl im Jahr 1505 von Maximilian I. das Mautrecht im Fimbatal erhalten hatte, entwickelte sich die Gemeinde zu einem wohlhabenden Handelszentrum. Vom bekannten Paznauner Künstler Mathias Schmid (1835-1923) stammt das Gemälde „Kaiser Maximilian I. im Kloster Valduna" (1870). Dieses Gemälde ist Teil eines vierteiligen Gemäldezyklus „Aus der Vorarlberger Sagenwelt", dass der Mäzen Josef Andreas Ritter von Tschavoll bei Mathias Schmid für seine Villa in Feldkirch in Auftrag gab. Das originale Skizzenbuch mit den vorbreitenden Bleistiftzeichnungen zum Gemälde „Kaiser Maximilian I. in Valduna" (1870) ist im Mathias Schmid Museum zu sehen.

Röm. Dt Kaiser
Maximilian I., romisch-deutscher Kaiser (22.03.1459-12.01.1519); s.d. (sine dato)
Sammlung von Objekten des Archivs der Universität Wien,Universitätsbibliothek Wien - Phaidra

“The Last Knight”
Ab 3. Oktober 2019
Metropolitan Museum of Art, New York

Acht Jahre jünger als Christoph Kolumbus zeigt das Metropolitan Museum of Art ab 3. Oktober in der Schau
“The Last Knight” vor allem Prunkstücke aus der Hofjagd- und Rüstkammer.

Grabmal
Rest eines Feldküriss
Aus der Sammlung der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museum Wiens

Wiener Neustadt, seine Geburtsstadt hat mit Gedenkmessen begonnen und setzt auch auf musikalische Darbietungen. Musik, war bekanntermaßen eine Leidenschaft Maximilian I.

Geboren und begraben wurde Maximilian in Wiener Neustadt. Seine letzte Ruhestätte fand er in der St.-Georgs-Kathedrale, wo am Freitag (11. Jänner) der vom Innsbrucker Künstlerduo Martin und Werner Feiersinger neu gestaltete Altar geweiht wird. Der neue Altar soll von allen Bereichen der Kathedrale aus besser sichtbar sein, der monumentale Grabaufbau, den Maria Theresia ihrem Vorfahren errichten ließ, wurde von den Überbauten der 1990er-Jahre befreit und ist nun besser zugänglich. Am 500. Todestag am 12. Jänner wird ein Requiem aufgeführt. Im Zuge der Landesausstellung “Welt in Bewegung!” widmet sich die Theresianische Militärakademie ab 30. März dem Leben und Wirken des Kaisers. Ab dem 11. Mai läuft im Theater im Neukloster das Musical “Maximilian – ein wahrer Ritter” von Florian Scherz. Abgerundet werden die Veranstaltungen mit einem “Kaiserfest” am Gelände der Militärakademie. Auch Spezielles für Kinder wird geboten, die Palette reicht von Vorlesenachmittagen bis zu einem Musiktheater.

Grabmal
Grabmal des Kaisers Maximilian in der Hofkirche von Innsbruck
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Donnerstag, 29. November 2018 um 09:33:38 von Kulturpool Redaktion

Sprichwörter zur Zeit Bruegels Teil 2

Anlass
Sprichwörter zur Zeit Bruegels


Niederländische Sprichwörter, Pieter Bruegel, Europeana, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Berlin

Die niederländischen Sprichwörter oder auch die flämischen Sprichwörter enthalten mehr als 100 Redewendungen, die zum guten Teil heute noch geläufig sind.

Das 1559 entstandene Ölgemälde „Die Niederländischen Sprichwörter“ von Pieter Bruegel dem Älteren wird gerne neben dem auch 1559 entstandenen Bild „Kampf zwischen Fasching und Fasten", sowie dem 1560 entstandenen Gemälde „Kinderspiele“ als sogenanntes „Wimmelbild“ bezeichnet.

Der Begriff ist bis heute üblich für Bilderbücher, die charakteristischerweise meist auf deutlich dickerem Papier bzw. Karton gedruckt sind, überdimensionierte Formate aufweisen und die mit möglichst vielen Einzelheiten, bei denen es von Eindrücken und Szenen nur so „wimmelt“, den Lesenden in ihre bebilderte Welt entführen.
Ein weiteres Kriterium ist die aufgezeigte Perspektive, die dem Betrachter eine Übersicht über das Geschehen vermitteln soll. Der Horizont ist meist hoch angelegt und schafft einen Blick über einen weiten Raum, um möglichst viele detaillierte Szenen erfassen zu können.

Pieter Bruegel verarbeitet in seinen Wimmelbildern eine Vielzahl an Figuren und Details, wie eben eine Sammlung an Sprichwörtern oder eine bildliche Aufzählung von Kinderspielen. Auf dem Gemälde „Kinderspiele“ zeigt er 230 Figuren und zitiert über 90 Kinderspiele. Einige wie „Blinde Kuh“ sind über die Jahrhunderte bis heute beliebte Kinderspiele geblieben. Andere der aufgezählten Spiele sind mitunter in Vergessenheit geraten und deren Spielverlauf nicht mehr nachvollziehbar.

Auch wie im Teil 1 beschrieben, sind eine Vielzahl von den „Niederländischen Sprichwörter“ bis heute noch selbst im Alltagsgebrauch in der deutschen Sprache vorzufinden.

In diesem Gemälde lassen sich anhand zig-facher Szenen die unterschiedlichsten Sprichwörter ausfindig machen, die Lebenssätze beschreiben, die in heutiger Form und Sprache immer noch Anwendung und Ausdruck finden und eben vielleicht auch durch dieses Werk und dessen Rezeption weiter im Sprachgebrauch geblieben sind.

Die Niederländischen Sprichwörter


Erläuterungen mit Zahlensystem zu den Niederländischen Sprichwörtern, Wikipedia

Ein paar weitere Beispiele mit Details aus Bruegels "Niederländische Sprichwörter":


1 Den Teufel aufs Kissen binden
Durch Starrköpfigkeit selbst den Teufel überwinden


2 Ein Pfeilerbeißer
Jemand ist ein scheinheiliger Heuchler


3 Sie trägt Feuer in der einen, Wasser in der anderen Hand
Jemand ist eine doppelzüngige Person


4 An einem Fuß einen Schuh, der andere barfuß
Gleichgewicht ist entscheidend


5 Scher sie ab, doch schinde sie nicht
Opfere nicht für einen kurzfristigen Vorteil die Erträge der Zukunft;
suche nicht um jeden Preis deinen Vorteil

oder:

5 Man muss das Schaf scheren, um seine Wolle zu haben
Man muss eine Arbeit tun, um den Lohn zu erhalten


15 Sich an der Seite des Geldbeutels festhalten
Liebe hängt auf der Seite des Geldbeutels; sich an finanziellen Vorteilen orientieren


17 Er geht von einem Brot zum anderen
Mit seinem Geld nicht auskommen

Für das vertiefende Entdecken von Details in den Werken Bruegels hilft eine im Rahmen eines großangelegten Forschungsprojektes sehr interessante Website - "Inside Bruegel“.

Auf dieser Website lässt sich vertiefend Einblick in einige aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wiens wesentliche Werke Bruegels gewinnen und grundlegende Details sowie Herangehens- und Malweisen Bruegels erkennen.

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher „Lupen“ wie der Makrofotografie, Makroinfrarotfotografie, Infrarotreflektografie oder Röntgen lassen sich eine besondere Auswahl an Bruegel-Klassikern mit einer jeweils auf unterschiedliche Details aufmerksam machenden Methode erforschen.

http://www.insidebruegel.net/

„Inside Bruegel“ eröffnet einen kostenfreien Zugang auf hochaufgelöste digitale Bilder zu zwölf seiner ganz besonderen Gemälde.

Das Projekt entstand in Kooperation mit der Getty Foundation, die mit ihrer Panel Paintings Initiative vor allem KonservatorInnen sowie gleichzeitig auch als Ausbildungsprojekt aufgesetzt jungen RestauratorInnen eine intensive Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken ermöglicht.

Der Fokus setzt auf die systematische Untersuchung des Schaffensprozesses, Materialwahl und diverse Maltechniken sowie die Veränderung der jeweiligen Werke über die letzten Jahrhunderte. Sehr spannende Erkenntnisse resultierten aus diesem Verfahren und können so erstmals einer Öffentlichkeit erzählt und vermittelt werden.

Die langfristige Forschungsinitiative über das Kunstschaffen Pieter Bruegels d. Ä. legt das Hauptaugenmerk auf Tafelkonstruktion, Maltechnik, Materialgeschichte, die kunsthistorische Aufarbeitung und Provenienz der Werke.

Die unterschiedlichen „Lupen“:

In der Gemäldeuntersuchung nutzt man die Infrarotfotografie und Infrarotreflektografie, um unter die Oberfläche der Gemälde zu schauen und Unterzeichnungen unter den Malschichten sichtbar zu machen.

Röntgenaufnahmen, um den Bildträger, also beispielsweise das bemalte Holz, die Grundierung und die verwendeten Farbpigmente zu untersuchen. Röntgenfluoreszenzanalyse, um die qualitative und quantitative Bestimmung der elementaren Zusammensetzung zu ermöglichen. Dies trägt auch zur Bestimmung der verwendeten Farbpigmente bei.
3D-Kartierung, um die Gemälde genauestens zu vermessen und räumlich darzustellen.

Die Kombination der Ergebnisse aus all diesen Untersuchungen machen Bruegels Arbeitsweise nun viel besser nachvollziehbar. So wurden zum Beispiel Veränderungen an Bruegels Bildkompositionen erkannt, die der Künstler auch noch im weit fortgeschrittenen Malprozess gemacht hat.

Leicht lässt es sich so in die detailreichen Szenen Bruegels „zoomen“, um auf Besonderheiten und Feinheiten seiner Kunstfertigkeit zu stoßen.

Die Möglichkeit mit diesen Hilfsmitteln in die vielen kleinstteiligen Szenen im Werke Bruegels einzutauchen, soll neben Experten auch Kunstinteressierte inspirieren eigene Forschungsmomente zu erleben und in diversen Szenen besondere Details zu entdecken.

Das 1565 entstandene Gemälde „Die Jäger im Schnee“

Jäger im Schnee
Die Jäger im Schnee, aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wiens

Durch Verwendung des Rasters „Makrofotografie“ lassen sich auch bloß 1cm große Kleinstszenen und Vignetten (siehe unten) verfolgen, wie etwa das Hintergrundmotiv eines Jägers, der auf Enten schießt.

Jäger im Schnee, Detailaufnahme


Hochauflösende Aufnahmen ermöglichen das Fokussieren auf einen Teil des Gemäldes.

Mit Infrarotreflektografie

Ausgewählte Details werden parallel in sichtbarem Licht, Infrarotreflektografie und Röntgenaufnahmen dargestellt.

Mit Röntgentechnik

In diesem Beispiel können BetrachterInnen erkennen, dass der vordere Jäger nicht Teil der ursprünglichen Konzeption war. Bruegel setzte ihn auf den bereits gemalten Schnee und Baumstamm auf. Er wurde also erst in einem recht fortgeschrittenen Bildstadium hinzugefügt. Gerade diese Figur fungiert als Repoussoir (siehe unten), denn sie leitet den/die BetrachterIn in das Bild(geschehen) hinein.

Begriffe der Kunstgeschichte

Vignette

Das Wort Vignette leitet sich von „vigne“ der Weinrebe ab und bezeichnet ursprünglich die Kennzeichnung einer Rebsorte am Rande eines Weinbergs und das Etikett einer Weinflasche.
Weiters bedeutet es „Randverzierung“ und „Abzeichen“. Als solches hat es auch Eingang in den heutigen Sprachgebrauch gefunden, wenn wir zum Beispiel an die KFZ Vignette denken. Es lässt sich eben auch als ein Synonym für „Aufkleber“ oder „Siegel“ verstehen. Als Etikette auf der Weinflasche hat sich „Vignette“ auch als Beschreibung für die Randverzierungen auf Druckwerken etablieren können.

In der Porträt-Malerei bedeutet der Begriff Vignette die oft ovale Anfertigung von Miniaturgemälden, die zum Beispiel als Amulett oder als Teile anderer Schmuckstücke getragen wurden. In der heutigen Begriffswelt, wie zum Beispiel als Filteroption von Kameras diverser Smartphone-Programme findet sich Vignette als Bildfilter, der zu den Rändern hin unschärfer wird und Hintergrundelemente am Rand eines Bildes oder Fotos verschwinden lässt. Diese Technik wurde auch schon im 19. Jahrhundert häufig verwendet und auch so bezeichnet.

Repoussoir

Wie bei dem Gemälde „Die Jäger im Schnee“ dargestellt, bezeichnet man den später dazu gemalten Jäger als Repoussoir. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet „zurücktreiben“ – repousser. Als künstlerische Technik beschreibt es ein im Vordergrund eines Gemäldes oder heutzutage auch einer Fotografie platziertes Objekt, das sowohl durch übergroße Darstellung als auch durch meist dunkle Farbigkeit (siehe Vignette) im Verhältnis zum Rest der dargestellten Objekte eine Verstärkung des Tiefeneindrucks bewirkt.

Im Gemälde „Die Jäger im Schnee“ ist ein sehr interessantes Detail, das durch die Röntgenanalyse hervorkommt, dass das „Repoussoir“, in diesem Fall der vordere Jäger im Bild nicht Teil der anfänglichen Bildgestaltung war. Figurale Randerscheinungen, die die alleinige Funktion haben, den Blick des Betrachters in die Tiefe zu ziehen, werden als „Repoussoir-Figuren“ bezeichnet. Eine solche stellt der vordere Jäger wohl dar. Er nimmt uns mit in die Tiefe der Bilderzählung.

Diese technischen Tricks sind typisch für Renaissance-Malerei und sollen Raumtiefe vermitteln.

Montag, 29. Oktober 2018 um 11:20:09 von Kulturpool Redaktion

Sprichwörter zur Zeit Bruegels

Anlass
Sprichwörter zur Zeit Bruegels


Niederländische Sprichwörter, Pieter Bruegel, Europeana, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Berlin

Eine kleine Sammlung aus Sprichwörtern aus dem Ölgemälde auf Eichenholz Pieter Bruegel des Älteren aus dem Jahr 1559, ein Jahr nach dem Tod Kaiser Karls V., in dessen Reich die Sonne einst nicht unterging.

Die niederländischen Sprichwörter oder auch die flämischen Sprichwörter enthalten mehr als 100 Redewendungen, die zum guten Teil heute noch geläufig sind.

Zur Zeit Bruegels war es keine Seltenheit Ansammlungen von Sprichwörtern in Druck- oder Kunstwerken darzustellen. Es gehörte fast zum guten Ton und bot Möglichkeiten Inhalte zu vermitteln, die vielleicht in direkter Rede nicht die gleiche Wirkung hätten erzielen können, bzw. aus Vorsichtsmaßnahme einer drohenden Zensur erst gar nicht in Prosa verfasst worden wären. Die Bildhaftigkeit ist ein wesentliches Merkmal des Sprichwortes, welches sich allegorischer Ausdrücke bedient, um Inhalte, Vorstellungen oder Wahrheitsgehalte zu kommunizieren, die in der direkten Rede eben nicht in dem gewünschten und erwarteten Effekt zur Geltung kommen würden.

Erasmus von Rotterdam, geboren vermutlich am 28.Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam, gestorben 11./12. Juli 1536 in Basel, hat eine Sammlung von Sprichwörtern und Sprüchen lateinischer Autoren herausgegeben. Die erste Ausgabe erschien im Jahr 1500 in Paris mit dem Titel Collectanea adagiorum („Gesammelte Sprichwörter“).

Der französische Humanist und Schriftsteller der Renaissance Rabelais, geboren ca. 1494, vielleicht aber schon 1483 in La Devinière bei Chinon/Touraine, gestorben am 9. April 1553 in Paris, verfasste ab 1532 den bekannten Romanzyklus mit den Riesen "Pantagruel" und "Gargantua" mit vielen Zitaten, Wortspielen und Sprüchen. „Une plaisenterie rabelaisienne“ ist in Frankreich ein sehr geläufiges Bonmot, das von diesen Bänden entstammt.

Ein besonderes Werk aus dem Opus eines interessanten Vertreters der Renaissancezeit ist die Sprichwort Sammlung von Sebastian Franck aus dem Jahr 1541. Eine Sammlung von fast 7.000 Sprichwörtern, sprichwörtlichen Redensarten und Redewendungen. Teilweise in lateinischer Sprache mit Übersetzung, teilweise mit ähnlichen und adaptierten Sprüchen aus der deutschen Sprache. Im Grunde folgt Sebastian Franck dem Konzept Erasmus von Rotterdams Sammlung "Adagia".

Bruegel soll ein Anhänger Sebastian Francks gewesen sein. Ein sehr interessanter Zeitgenosse, der anfangs als katholischer Priester und Seelsorger wirkte, jedoch sich sehr bald der Reformation anschloss und lutherischer Prediger wurde. Allerdings konnte Luther ihn auch nicht auf Dauer mit seinen Inhalten, Aussprüchen und Taten überzeugen und so entstand der überlieferte Ausspruch: „Ich will und mag nicht lutherisch sein.“ Er lehnt Kirchenstrukturen ab und verfolgt ein universalistisches Denken, das zum Beispiel auch Muslime als Glaubensbrüder anerkennt. Verfolgt von kirchlichen und weltlichen Machthabern, geht er davon aus, dass Gott überall ist. Neben seinen theologischen Ansätzen veröffentlichte er unter diversen Pseudonymen, wie Felix Frei oder Friedrich Wernstreyt, als Schriftsteller, Chronist und Übersetzer eine Vielzahl an Schriften, wie eben auch der Sprichwörter Sammlung.

Franck sah in der Kürze der Spruchweisheiten Indizien einer tiefergelegenen und verborgenen Wahrheit. Zwar hat Franck in seiner Sammlung sehr viele theologisch-philosophische Erörterungen, die in Sprichwörtern verarbeitet wurden, eingebettet, er hielt aber auch heidnisches Sprichwortgut für gleichermaßen wertvoll und für eine Öffentlichkeit gedacht.

"Es ist auch under allen leeren/ menschen urteylen und Sentenzen nicht warers noch gewissers dann die Sprichwörter/ welche die erfarung gelert / auch die natur und vernunfft in aller menschen hertz und mund geschriben und gelegt hat"

"Bey den alten ist unnd heyßt Sprichwort/ eine kurtze / weise klugred/ die summ eines ganzen handels/ gesatz odser langenn Sentenz/ als der kern/ in ein engs sprüchlin unnd verborgen griflin/ gefaßt/ da mehr/ etwa anders verstanden dann geredt wirt."

„Was im Sprichwort <schreibt> ist demnach die natürliche Vernunft, dies freilich so, dass in den „Dicteria“ und „Proverbia“ die Weisheit aller Nationen und Zeiten wie in einem verschlossenen kasten verborgen ist. Die von Franck angestrebte Aktivierung des Lesers und die notwendige Deutungsarbeit des auslegenden Kommentators sind in dieser Metapher angedeutet. Wie auch in früheren Werken begreift Franck programmatisch das Wissen der Wahrheit als Ergebnis einer meditativen Enthüllung. Zum Wesen der Wahrheit gehört ihr Verborgen-Sein. Demgemäß erweisen sich die zentralen ästhetischen Qualitäten der Sprichwörter, ihre brevitas und obscuritas, als Merkmale einer Erkenntnis, die in der diskursiven Rede nur unzulänglich erfasst und weitergegeben werden kann. Die knappe und sehr oft bildliche Ausdrucksform der Sprichwörter signiert einen Überschuss an Bedeutung."
-Sebastian Francks Sprichwortsammlung, Wilhelm Kühlmann

Das Ölgemälde Bruegels "Niederländische Sprichwörter":

In einem belebten und umtriebigen Dorf an der atlantischen Meeresküste gewährt uns Bruegel einen Einblick in das Treiben des Alltags mit all seinen Gewohnheiten und Besonderheiten. Er schildert die Welt, wie sie seinerzeit im Allgemeinen wahrgenommen wurde, als eine sündhafte, böse und närrische. Die menschlichen Untugenden wie Bosheit, Betrug und Selbstbetrug sowie weitere Laster finden in bildlichen Darstellungen ihren Ausdruck. Bruegel ließ sich von Werken wie Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ oder von dem „Narrenschiff“ von Sebastian Brant inspirieren. Das reich bebilderte und aufwendig gestaltete humanistische Buch „Narrenschiff“ enthält eine Sammlung mit didaktisch-satirisch dargestellten Lebensweisheiten und beschreibt Missstände, Torheiten und Laster der Welt des 15. Jahrhunderts. Das Buch erschien 1494 in Basel.

Im Bild links an der Hauswand hängend findet sich eine auf den Kopf gestellte Weltkugel, die eine verkehrte und gottlose Welt symbolisiert und den Menschen als gleich einem Narren nur seinem weltlichen Treiben nachgehendem Wesen skizziert. So findet man auch den Teufel im Bildmittelpunkt unter einem blauen Baldachin sitzend, von dem wohl das ganze Unwesen, das Bruegel allegorisch beschreibt, ausgeht. Eine Frau in einem roten Kleid, hängt ihrem Mann einen blauen Mantel um, womit symbolisiert wird, dass diese ihren Mann betrügt. Eine Vielzahl an Szenen vermittelt ein Bild eines amoralischen Treibens im Alltag dieses Dorfes.

Im 17. Jahrhundert wurde das Bild historischen Quellen zufolge auch mit „Der blaue Mantel“ und „Verkehrte Welt“ betitelt.

Nicht zu verwechseln mit einem anderen Werk, das auch den Titel „Verkehrte Welt“ trägt:

Die verkehrte Welt


Jan Steen, Die verkehrte Welt, aus der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museum Wiens

Andererseits lässt sich auch eine Vielzahl an Sprichwörtern anhand zig-facher Szenen ausfindig machen, die Lebenssätze beschreiben, die in heutiger Form und Sprache immer noch Anwendung und Ausdruck finden und eben vielleicht auch durch dieses Gemälde und seiner Rezeption weiter im Sprachgebrauch geblieben sind.

Niederländische Sprichwörter

DIE SPRICHWÖRTER


Erläuterungen mit Zahlensystem zu den Niederländischen Sprichwörtern, Wikipedia

Sprichwörter aus der Zeit Bruegels, die immer noch geläufig sind und als Teil unseres Sprachschatzes anzusehen sind:

Details aus Bruegels "Niederländische Sprichwörter":


Mit dem Kopf durch die Wand gehen
Stur und unbedacht, etwas Unmögliches versuchen


Rosen (Perlen) vor die Säue werfen
Verschwenden an jene, die es nicht wertschätzen


Bis an die Zähne bewaffnet sein
Schwer bewaffnet sein


Zwischen zwei Stühlen sitzen
Jemand kann keine Entscheidung treffen; jemand steht auf keiner Seite.


Sich um ungelegte Eier kümmern
Sich um etwas sorgen, was noch nicht eingetreten ist


Bei jemandem in der Kreide stehen
Jemandem etwas schuldig sein.


Ein Schaumschläger sein
Ein Angeber sein.


Auf glühenden Kohlen sitzen
Ungeduldig sein


Die Würfel sind gefallen
Etwas ist entschieden


Gegen den Strom schwimmen
Gegen die allgemeine Meinung aufbegehren


Er geht als wenn er Feuer im Hintern hat
Schnell gehen

Dienstag, 16. Oktober 2018 um 12:36:04 von Kulturpool Redaktion

Rudolf, der Fälscher

Anlass
Privilegium Maius

Rudolf, der Fälscher

Das Privilegium Maius und Rudolf IV. der Stifter

Erst nach 15 Jahren ehelicher Bemühungen einen Nachkommen zu zeugen, gelang es Albrecht II, der aufgrund seiner zeitweiligen Lähmungen auch Albrecht, der Lahme, genannt wurde, 1339 einen die ersten Tage überlebenden Sohn auf die Welt zu bringen. Als dieser Bann durch die Geburt Rudolfs gebrochen wurde, folgten fast im zwei Jahresrhythmus noch eine Vielzahl von Kindern, unter ihnen die drei Brüder Friedrich III, Albrecht III und Leopold III.


Rudolf IV der Stifter, Herzog von Österreich, aus der Porträtsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Rudolf IV genoss von klein auf eine profunde Ausbildung und war unter anderem des Schreibens mächtig, was unter den Adeligen dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war. Mit 9 Jahren wurde er mit Katharina von Luxemburg verlobt, der Tochter Karl IV, damals zukünftiger König von Böhmen und aussichtsreichster Kandidat auf die Reichskrone.

Im Jahr 1353, mit 14 Jahren folgte die Hochzeit mit Katharina von Luxemburg in Prag, was Rudolf gleichzeitig zum Schwiegersohn Karl IV machte. Als König von Böhmen, zwei Jahre bevor dieser auch römisch-deutscher Kaiser wurde, war Karl IV aus dem Herrscherhaus der Luxemburger zu dieser Zeit bereits eine der bedeutendsten Gestalten des Spätmittelalters und zählte zu den einflussreichsten Herrschern seiner Zeit.


Karl IV., aus der Sammlung REALonline des Institutes für Realienkunde


Kaiser Karl IV., aus der Sammlung REALonline des Institutes für Realienkunde

Rudolfs Vater Albrecht II hat es auf eine Annäherung der beiden Häuser Luxemburg und Habsburg angelegt, die sich zuvor aufgrund Streitigkeiten beim habsburgischen Erwerb Kärntens und der Krain ergeben haben. Durch die Vermählung ihrer Kinder ließen sich die Zerwürfnisse aus dem Weg räumen.

Als Schwiegersohn des Böhmischen Königs und späteren Kaisers genoss er anfänglich dessen wohlwollende Protektion, was zu einer weiteren Steigerung des Selbstbewusstseins des jungen Fürsten Rudolf IV führte. Er war sich nicht nur seiner gesonderten Position im Reich bewusst, sondern auch seiner Möglichkeiten, mit der Rudolf die Positionierung seiner Familie im europäischen Mächtezirkel vorantreiben wollte und konnte. Dies auf ein Niveau, das ihm seiner Ansicht nach aufgrund der Herrschaftsbereiche des Hauses Habsburg zu dieser Zeit bereits zustehen sollte.

Rudolf IV war, durch die von seinem Vater erlassene Albertinische Hausordnung, zur Herrschaft ihrer Besitzungen zwar nur zur gesamten Hand, im Sinne etwa eines heutigen „geschäftsführenden Gesellschafters“, ermächtigt, er ließ sich von seiner Position als Ältester allerdings nicht dreinreden und führte de facto alleine die Agenden der Familie.

Viele große Besitzungen, jedoch insgesamt sehr verstreute Ländereien zählten bereits zu dem Herrschaftsbereich der Habsburger: Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain sowie die Vorlande, also der Stammbesitz in Schwaben und im Aargau. Die Albertinische Hausordnung versuchte mit der Regelung eines Herrschens zur gesamten Hand die Gefahr abzuwehren, durch zukünftig zu erwartende Erbaufteilungen es zu weiteren Teilungen ihrer Herrschaft kommen zu lassen und schützte die Gesamtheit ihrer Ländereien mit diesem Erlass.

Rudolf IV erwarb in seiner Herrschaftszeit mittels Erbvertrags mit Margarete „Maultasch“ das Land Tirol, was ein wichtiges Bindeglied für die Besitzungen der östlichen und westlichen Territorien war.

Neben den ehrgeizigen Plänen seine direkten Herrschaftsbereiche betreffend, ließ Rudolf IV auch eine Vielzahl an nachhaltigen Gründungen und Stiftungen bauen. Die „Alma Mater Rudolphina“ als zweitälteste Universität im deutschsprachigen Raum, den Ausbau Wiens zur Residenzstadt, welcher die Position als politischer und kultureller Mittelpunkt des Habsburgerreiches stärkte sowie den Ausbau der Wiener Stephanskirche zum Dom. Daher lässt sich auch sein Beiname „der Stifter“ ableiten. Auch in seiner Wirtschaftspolitik verfolgte er ehrgeizige Pläne und ermöglichte zahlreichen Landstädten mit der Ausstattung von Sonderrechten eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Mit dem „Wiener Pfennig“ schuf Rudolf IV auch eine relativ stabile Münzeinheit.


Rudolf IV. besucht den Bau des St. Stefansdomes, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Es muss Rudolf IV sehr schwer beleidigt und gekränkt haben, als sein Schwiegervater Karl IV, 1356 die Goldene Bulle verfasste, das wichtigste Reichsgrundgesetz zur deutschen Königswahl und er darin im Gegensatz zu anderen Fürsten des Reiches keine Erwähnung fand.


Cod. 338 (Faks.), fol.33v: Goldene Bulle u. a., aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Goldene Bulle legte die Wahlordnung für die Königswahl im Reich fest und bedeutete für einige Reichsfürsten, die nun zu Kurfürsten ernannt wurden, einen großen Privilegien- und Machtzuwachs. Das Haus Habsburg wurde dabei nicht erwähnt, was bei Rudolf IV nicht nur Unverständnis zur Folge hatte, sondern Motivation mit eigenen Mitteln dagegen anzukämpfen bedeutete.

Schließlich war sein Großvater Albrecht I ein König gewesen und die Habsburger beherrschten wesentliche Gebiete im Osten und Südosten des Reiches und zählten jedenfalls bereits zu den mächtigsten Herrschergeschlechtern jener Zeit. Ehrgeizig, gebildet und jung wollte er die empfundene Schmach nicht auf sich sitzen lassen und erdachte sich einen einmaligen Coup, der seine Stellung im Reich zur gewünschten Positionierung und Konsolidierung führen sollte. Mit einer Fälschung von vermeintlich bestätigten Privilegien erdachte er sich, die ihm gebührende Rangordnung innerhalb des Reiches herzustellen und ihn mit jenen Privilegien auszustatten, über die die Kurfürsten bereits verfügten.

Das Privilegium de non evocando (Mit dem privilegium de non evocando – dem Privileg des nicht geladen Werdens – gab der Deutsche König bzw. Römisch-deutsche Kaiser ein Teil seiner Gerichtsgewalt an den jeweiligen Landesherrn ab, Anm. d Red.) hatte zwar auch schon der habsburgische Landesherr Herzog Albrecht II (1330 – 1358) erlangt. Der anderen Vorrechte der Kurfürsten waren die Habsburger jedoch nicht teilhaftig. Auch die Prinzipien der Unteilbarkeit und der Primogenitur galten für die habsburgischen Länder nicht. Herzog Albrecht II hatte in seiner Albertinischen Hausordnung 1355 im Gegenteil bestimmt, dass ihm seine vier Söhne zur gesamten Hand in der Herrschaft nachfolgen sollten.

Als Albrecht II 1358 starb, war nur sein ältester Sohn Rudolf IV alt genug, die Herrschaft ergreifen zu können. Zur Rechtfertigung seiner Alleinherrschaft und der Zurücksetzung seiner Brüder sowie allgemein von dem Motiv geleitet, die reichsrechtliche Stellung der Habsburger jenen der Kurfürsten anzugleichen, ließ der politisch aktive Herzog in seiner Kanzlei eine Urkundensammlung fälschen, die die seinen Vorstellungen entsprechende Position des habsburgischen Landesherrn rechtlich untermauern sollte.

(Rudolf Hoke, Österreichische und deutsche Rechtsgeschichte, Böhlau, S. 87-88)

Rudolf IV war gerade einmal 18 Jahre alt, als er sich ans Werk machte, einen „Remix“ aus den wichtigsten Dokumenten, auf denen Teile seiner Herrschaft fußten, mit gefälschten Urkunden zu gestalten, um eine neue Grundlage für seinen Herrschaftsraum in der Hand zu haben.

Ausgegangen wurde vom „privilegium minus“, jener berühmten Urkunde, mit der Kaiser Friedrich Barbarossa das noch von den Babenbergern beherrschte Gebiet zu einem von Bayern abgetrennten und unabhängigem Herzogtum erheben ließ.

Fünf weitere Urkunden ließ Rudolf fälschen, die seine Ansprüche untermauern sollten:

Ein Brief Friedrich Barbarossas, der das privilegium minus mit den damit verbundenen neuen Rechten bestätigte sowie weitere Bestätigungen von den Königen Heinrich VII im Jahr 1228, Friedrich II im Jahr 1245 und Rudolf I aus dem Jahr 1283.

Rudolf IV legte eine weitere Urkunde vor, in der Kaiser Heinrich IV im Jahr 1058 einen Brief bestätigt, der Österreich mit besonderen von den römischen Herrschern Cäsar und Nero verliehenen Privilegien ausstattete.

Kaiser Karl IV überprüfte die Schriftstücke von seinen Gelehrten und kein geringerer als der italienische Frühhumanist Francesco Petrarca erkannte den Schwindel und verhöhnte diesen gewagten Betrug mit den Bestätigungen der römischen Cäsaren gehörig.

Selbst die Zurückweisung dieser Urkunden und die damit fehlende Anerkennung seiner gewünschten Rechte hielten Rudolf nicht ab, den Fantasietitel, den er sich für das Haus Habsburg mittels seiner Fälschungen kreierte, zu tragen. Den Titel „Palatinatus archidux“ zu führen, was in etwa Pfalzerzherzog bedeutet, wurde ihm von seinem Schwiegervater untersagt. Nicht widersprochen wurde der auch von ihm selbst ernannte Titel eines Herzogs von Krain, was zur Folge hatte, dass Rudolf neben Österreich, Steiermark und Kärnten dadurch auch ein viertes habsburgisches Herzogtum innehatte, die Krain.

Damit nicht genug, brauchte er auch in Zeremoniell und Kleidung Zeichen und Symbole, die seiner neuen gehobenen Stellung Rechnung tragen würden und er schuf sich den kronengleichen Erzherzogshut. Dies führte letztendlich zu einem Konflikt mit Kaiser Karl IV, der Rudolf wiederholt das Führen dieser Titel und Symbole verbieten ließ.
Ein Jahrhundert später erst, bestätigte sein Nachfahre Kaiser Friedrich III die von Rudolf erschlichenen Privilegien. Dies erlaubte den Habsburgern unter anderem sich ab dann mit dem Titel „Erzherzog“ zu schmücken.


Österreichischer Erzherzogshut Josefs II. von 1764, Karkasse, aus der Sammlung der Weltlichen Schatzkammer, Kunsthistorisches Museum Wien

Ausstellungstipp:

Falsche Tatsachen

Das Privilegium Maius und seine Geschichte

Der Wunsch, mit Hilfe falscher Behauptungen Tatsachen zu schaffen, ist nicht nur in unserer Zeit allgegenwärtig, sondern wohl so alt, wie die Menschheit selbst. Er liegt auch der bekanntesten Urkundenfälschung der österreichischen Geschichte zugrunde, welche das Selbstverständnis des Hauses Habsburg im Gefüge der politischen Großmächte Europas bis 1918 wesentlich prägte und als Schöpfung eines jungen und ehrgeizigen Politikers bis heute fasziniert: dem sog. „Privilegium Maius“.

Alle fünf Teile dieses Dokumentenkomplexes, den Herzog Rudolf IV. der Stifter (1339-1365) in Auftrag gab, werden mit dieser Ausstellung im Jahr des Europäischen Kulturerbes erstmals überhaupt gemeinsam gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation durch so spektakuläre Leihgaben, wie einem Exemplar der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehörigen „Goldenen Bulle“ oder dem Standbild Rudolfs IV. vom Singertor am Stephansdom.

Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums in Kooperation mit dem Österreichischen Staatsarchiv.